Geschichte

Wer meint, dass Toronto – wie so viele andere nordamerikanische Städte – ein relativ junges Ballungszentrum ist, sollte nochmal darüber nachdenken. Vor über 8 000 Jahren war diese Stelle am Nordufer des Ontariosees das Zuhause für frühe Menschen, die in den dichten Wäldern nach Bären und Elchen jagten. Nach ihnen folgte eine reiche und vielfältige Irokesenkultur, die sich allein in der Gegend um Toronto über fast 200 Dörfer ausdehnte.

Die britischen und französischen Pelzhändler und Erforscher, die im späten 16. Jahrhundert ankamen, veränderten das Gleichgewicht der Region. Am Anfang war Toronto für sie nur als Endstation der Kanuroute von Quebec City interessant. Etienne Brule, der erste Europäer, der den von den Huronen 'Toronto' genannten Kanu-Anlegeplatz besuchte, hatte keine Ahnung, dass er sich an der Stelle befand, wo später einmal Kanadas größte Stadt entstehen sollte. In den Kämpfen zwischen den Irokesenstämmen und ihren huronischen Nachbarn verbündeten sich die Briten mit den Irokesen und die Franzosen mit den Huronen. Als die Irokesen 1749 den Sieg über die Huronen erklärten, warf dies auch deren Verbündete, die Franzosen, zurück.

1751 errichteten die Franzosen dort, wo sich heute Toronto befindet, Fort Rouille, sodass die ersten europäischen Wurzeln der Stadt eher französisch als britisch waren. Das Fort, das nur 8 Jahre später im Siebenjährigen Krieg zerstört wurde, blieb niedergebrannt liegen, bis hunderte britischer Loyalisten, die nach dem Unabhängigkeitskrieg aus den gerade gegründeten Vereinigten Staaten flohen, die Gegend um den Ontariosee bevölkerten.

John Graves Simcoe, der erste Lieutenant-Governor von Ober-Kanada (jetzt Ontario), legte am Seeufer in der Nähe des früheren französischen Postens eine strategisch gut gelegene aber sumpfige Stadt mit 12 Hütten an, die 1793, zu Ehren des Duke of York den Namen Fort York erhielt. Fort York (jetzt ein Freilichtmuseum) wurde bald zur Hauptstadt von Ober-Kanada und später von Ontario gemacht, war jedoch nie die Hauptstadt von Kanada selbst.

Ironischerweise beschloss die Familie Simcoe 1796, das "Schlammige York" zu verlassen, da sie dachten, die stagnierende Siedlung habe keine Zukunft. Nichtsdestoweniger wurde 1800 das rechteckige 'Eisengitter' festgelegt, das die Stadt bis heute noch definiert. Dabei wurden die tiefen Schluchten, Hügel und kleinen Flüsse, welche der Landschaft ihre Form gaben, größtenteils ignoriert.

Während des britisch-amerikanischen Krieges von 1812 wurde die Stadt York mit ihren 700 Einwohnern für ein paar Tage von den Amerikanern besetzt. Jedoch zogen sich diese schnell zurück, als der Krieg anfing, schwierig für sie zu werden. 1834 gelang es einem weiteren einflussreichen Politiker, den Namen der Stadt wieder auf Toronto zu verändern. Doch war es kein wirkliches Zuckerschlecken für William Lyon Mackenzie, den ersten Bürgermeister der 9000 Einwohner zählenden Stadt unter ihrem neuen (alten) Namen. 1837 musste der feurige Schotte in die U.S.A. fliehen, nachdem er eine gescheiterte Rebellion angeführt hatte, die für eine Reform gegen die sogenannte Familienübereinkunft kämpfte, eine Gruppe von britischen Adeligen, die die Stadt nach ihrem Willen und ohne jede Kontrolle oder Machtausgleich regierten. Die Gruppe wurde am Ende dank öffentlicher Entrüstung zu Fall gebracht und Mackenzie kehrte 12 Jahre später, nach einer Begnadigung, wieder nach Kanada zurück.

Wenn man sich einen Stadtplan von Toronto aus dem späten 19. Jahrhundert anschaut, kann man die Spuren der puritanischen Wurzeln in der konservativen Anlage des Stadtgebietes sehen. Auch hat es seinem Spitznamen "The Big Smoke" (Der große Rauch) als Neue-Welt-Version des industriellen Londons alle Ehre gemacht: ein geschäftiger, verschmutzender Hafen, Fabrikschlote, die ungesäuberten Ruß in die Luft abließen, dahintuckernde, schwarze Kohlenzüge und die obligatorischen Slums, sowie Herrenhäuser, viktorianische Colleges und Kirchen. Der Spitzname sollte 1904 eine tragische Bedeutung annehmen, als bei einem Brand mehr als 100 Gebäude im Stadtkern zerstört wurden. Fünfzig Jahre zuvor hatte die Natur selbst mitgeholfen, einen Teil von Toronto zu erschaffen: The Islands (Die Inseln), die mit der Fähre 15 Minuten entfernt von Harbourfront im Stadtzentrum liegen, sind durch einen starken Sturm entstanden, der ein Stück Land vom Festland abschnitt.

10 000 Menschen aus Toronto verloren ihr Leben, als viele aus Großbritannien eingewanderte Einwohner sich freiwillig zum Wehrdienst im Ersten Weltkrieg meldeten. Danach kam die große Depression der 30er Jahre, die Hunger, Obdachlosigkeit und eine Arbeitslosenquote von über 30 Prozent mit sich brachte. Auch der Zweite Weltkrieg bedeutete wieder, dass kanadische Männer zum Kämpfen nach Europa auszogen, aber auch, dass viele vor den Bombenangriffen fliehende britische Kinder und europäische Flüchtlinge nach Kanada kamen. Viele von ihnen ließen sich in Toronto nieder.

Das Toronto der Nachkriegszeit war überhaupt nicht mit der heutigen Stadt zu vergleichen, obwohl es fast eine Million Einwohner zählte: keine Wolkenkratzer, keine großen chinesischen, portugiesischen, griechischen oder italienischen Gemeinden, kein ausgedehntes U-Bahnnetz, keine Bars und sonntags nur geschlossene und verriegelte Läden. Die neue Gemeinde Metro Toronto, die die Stadt und ihre Ausläufer 1953 zusammenführte, läutete in den 60er Jahren einen Bauboom sondergleichen ein.

'Torontonians' sind auf ihre Superlative stolz und sehen das Leben manchmal als eine Erweiterung des Guinness Buches der Rekorde an. Diese Einstellung lässt das gemeinsame Selbstbewusstsein der Stadtbewohner wachsen und verleiht auch ihrem Ruf für Egozentrik einiges an Glaubwürdigkeit (wie in dem alten Witz über die Schlagzeile: Toronto bleibt bei weltweitem atomaren Holocaust unversehrt!). Die Stadt beansprucht so einige Rekorde für sich: die höchste, frei stehende Konstruktion der Welt (der CN Tower mit 553m), das erste Stadion mit einem völlig einfahrbaren Dach (Rogers Centre), die längste Straße (Yonge Street, über 1900 km), Kanadas größtes Museum (Royal Ontario Museum) und die größte Universität (University of Toronto), das größte Schloss in Nordamerika (Casa Loma), das zweitgrößte öffentliche Verkehrssystem in Nordamerika (das TTC) und ein 11 km langes Labyrinth unterirdischer Einkaufszentren .

Peter Ustinov nannte das moderne Toronto einmal ein "von der Schweiz regiertes New York". Da es nun scheint, dass New York selbst von den Schweizern geleitet wird, ist dieses Etikett wohl kaum mehr angemessen. Trotzdem ist die Stadt auf ihre sauberen und sicheren Straßen und großen Grünanlagen stolz. Was noch wichtiger ist: Toronto ist das kulturelle und finanzielle Zentrum des Landes, ein wirtschaftliches Muskelpaket mit einem Etat, der den der Provinz Saskatchewan übersteigt. Innerhalb dieses 160 km großen Gebiets ist ein ganzes Drittel aller Kanadier zu Hause.

Durch die über 50 Prozent nicht-weiße Bevölkerung ist Bewegung in die verschiedenen ethnischen Stadtviertel gekommen; alte, viktorianische Gegenden, die einst heruntergekommen und verlassen waren, werden jetzt aufgemöbelt; schon von Weitem kann man die Banktürme und Wolkenkratzer mit Geschäften in der Skyline glitzern sehen, wie z.B. das 65 Stockwerke hohe Scotia Plaza. Open-Air-Festivals, Offenheit, und eine Bereitschaft am öffentlichen Leben teilzuhaben, machen das Leben in Toronto heute aus.

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