Schanghai, das früher einmal als das Paris des Ostens galt, war Anfang des 20. Jahrhunderts die glanzvollste, dekadenteste und kultivierteste Stadt Chinas, ja sogar von ganz Asien. Nachdem es viele Jahre vom Rest der Welt abgeriegelt war, ist Schanghai nun auf dem schnellsten Weg, seinen Ruf als kosmopolitische Stadt zurückzuerobern. Die Hauptstadt Peking gilt als Zentrum der Politik, Kultur, Information und Bildung, Schanghai dagegen wird allgemein als das Finanzzentrum Chinas angesehen, als fortschrittliche, unternehmerische Stadt, die neuen Ideen offen gegenübersteht.
Im Gegensatz zu Peking blickt Schanghai auf keine lange Geschichte zurück. Bis 1842 war die Stadt ein kleines, verschlafenes Fischerdorf. Auf Chinesisch bedeutet Schanghai am Meer und die Stadt sollte durch ihre vorteilhafte Lage am Flussdelta des Jangtsekiang schon bald Berühmtheit erlangen.
Bis 1842 lagen China und Großbritannien in einem bitteren Konflikt. Großbritannien schmuggelte Opium nach China und während die Briten damit Geld scheffelten, wurden hunderte Chinesen von der Droge abhängig. Dies führte zur Besorgnis der Herrscher der Qing-Dynastie zu sozialem Verfall und Abstieg. China reagierte damit, dass es britisches Opium nach Hongkong brachte, was wiederum zu zwei Opiumkriegen zwischen den beiden Nationen führte. Im Endeffekt musste das gedemütigte China seine Niederlage gegen die besser ausgerüsteten britischen Armeen eingestehen. Als Teil der von Großbritannien gestellten Bedingungen musste China seine Oberhoheit über Hongkong sowie einige andere vorteilhafte Vertragshäfen aufgeben. Schanghai war einer dieser Häfen. Weitere westliche Mächte versuchten schon bald wie Großbritannien, Anspruch auf das wertvolle Land zu erheben.
Nach dem Krieg erklärte Großbritannien Schanghai zum Vertragshafen und das verschlafene Fischerdorf wurde plötzlich in eine Stadt mit vielen ausländischen Einflüssen verwandelt. Diese wurde zwischen den Briten, Franzosen und Amerikanern in autonome Konzessionszonen aufgeteilt, die nicht dem chinesischen Recht unterlagen. Jede Nation drückte der Stadt ihren eigenen kolonialen Stempel auf und man erkennt dies noch heute an den im europäischen Stil gebauten Häusern in the Bund und im Viertel Old French Concession.
Schon bald hatte sich Schanghai zu einem wichtigen Industriezentrum und Handelshafen von China entwickelt, was wiederum viele Menschen in die Stadt brachte. Es war eine florierende Epoche und Schanghai schuf sich den Ruf als eine der kultiviertesten und niveauvollsten Städte der Welt. Die Reichen, ausländische tai pans, verbrachten ihr luxuriöses Leben damit, in den Kasinos zu spielen, Varietees zu besuchen und ihr Geld in Bordellen auszugeben.
Doch während die Reichen immer reicher wurden, herrschte unter den Armen ständig größere Not. Viele einheimische Chinesen mussten in absolut unbeschreiblichen Zuständen leben. Auf Grund der schwachen, korrupten chinesischen Herrschaft und der schamlosen Ausbeutung durch die Ausländer war ein Aufstand vorhersehbar. Die Revolte begann, als die verfallende Qing-Dynastie gestürzt wurde und die Nationalistische Partei an die Macht kam, die dann die neue chinesische Republik mit Sun Yat-sen als Präsident ausrief. Der Marxismus entwickelte sich schnell zur vorherrschenden Ideologie unter den chinesischen Intellektuellen und 1921 wurde die Kommunistische Partei in Schanghai gegründet. Eines ihrer Mitglieder war der junge Mao Zedong. Die Kommunistische Partei und die Nationalisten bildeten anfänglich eine unbehagliche Allianz, um eine Wiedervereinigung Chinas unter chinesischer Oberhoheit herbeizuführen. Doch im Zweiten Weltkrieg musste Schanghai einer weiteren Invasion, dieses Mal durch die Japaner, die Stirn bieten. Der anschließende Machtkampf zwischen den Kommunisten und den Nationalisten zwang die Nationalisten schließlich zur Flucht nach Taiwan.
1949 wurde unter der kommunistischen Herrschaft von Mao Zedong die Volksrepublik China ausgerufen und Schanghais Regentschaft als kosmopolitischste Stadt Chinas fand ein Ende. Es folgten schwierige Jahre, die von der Kampagne des Großen Sprungs nach vorn mit einer schweren Hungersnot und der Kulturrevolution gekennzeichnet waren. Machtkämpfe innerhalb der Kommunistischen Partei stürzten das Land in noch größeres Chaos. Nach dem Tod von Mao kam Deng Xiaoping an die Macht, der 1979 ein Programm zur Liberalisierung und Reform des Marktes einführte, um Chinas wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Vor allem Schanghai sollte von den Reformen profitieren.
1990 wurde Schanghai zu jener Stadt gewählt, die Chinas wirtschaftliche Weiterentwicklung antreiben sollte. Und die Stadt hat mit einer florierenden Bauindustrie, neuen privaten Unternehmen, steigenden Löhnen und Gehältern sowie wachsenden ausländischen Investitionen geantwortet. Derzeit ist Schanghai eine der wichtigsten industriellen Basen des Landes. Gleichzeitig mit dem wirtschaftlichen Fortschritt erlebt die Stadt auch eine Renaissance ihrer Kunst und Kultur und signalisiert damit eine Rückkehr zu ihren triumphalen Tagen der Vergangenheit.
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