Geschichte

Peter der Große

„Wir sind dazu bestimmt, hier ein Fenster nach Europa zu schlagen“

Die Statue des Ehernen Reiters stellt den entschlossenen Peter den Großen auf einem sich aufbäumenden Pferd dar. Sein Finger zeigt vorwärts und zeichnet die glorreiche Geschichte der Stadt. Die Anfänge von St. Petersburg sind nicht zu trennen von der historisch und auch physisch großen Figur des Zaren Peter. Ehrgeizig, optimistisch und ohne Kompromisse stellte er sich diese nördliche Hauptstadt vor, während er noch im Krieg mit Karl II von Schweden war. St. Petersburg sollte einerseits ein „Fenster nach Europa“ sein, andererseits ein progressiver Gegenpol zum konservativen und alten Russland (symbolisiert durch die Stadt Moskau), das Peter so ungemein hasste. Eine Zeit lang lebte Peter – für Zarenverhältnisse – unwirtlich in einer Blockhütte, die als Peters Hütte bekannt wurde, um die Arbeiten an der Peter-und-Paul-Festung, dem ersten großen Gebäude der Stadt, persönlich zu überblicken.

Eine Stadt unter diesen geografischen Bedingungen zu bauen, war schwierig: unzählige Kriegsgefangene mussten Sklavenarbeit verrichten und schufen unter widrigen Bedingungen die Stadt aus einem Sumpfgebiet – Tausende mussten ihr Leben lassen.

Als Peter schließlich 1709 bei Poltava die Schweden besiegte, war die Zukunft der Stadt gesichert. Die Bebauung war schon 1712 weit fortgeschritten und die königliche Familie und fast die gesamte Regierung war in diese neue, seltsame Stadt umgezogen, die immer noch von Überflutungen und von der sehr realen Gefahr herumstreunender Wölfe bedroht wurde.

1725 starb Peter, nachdem er Russland eine ehrgeizige neue Hauptstadt und nebenbei auch einen radikal umgebauten russischen Staat hinterlassen hatte. In St. Petersburg selbst verdanken wir Peter Sehenswürdigkeiten wie den Landpalast Peterhof, die Sommer-Gärten und die Kunstkammer.

Katharina die Große

Nach einer Reihe ziemlich ineffektiver Führer, war die nächste große Figur in der Geschichte St. Petersburgs Katharina die Große, unzweifelhaft die zweite große Persönlichkeit, die das moderne St. Petersburg gestaltet hat. Als unersättliche Leserin und wissbegierige Schülerin führte sie eine ausführliche Korrespondenz mit Voltaire und beherbergte viele Wissenschafter aus Westeuropa, unter anderen den Philosophen Diderot. Die Smolnyi Kathedrale war zum Großteil ihr Werk und die Emeritage - heute eines der bedeutendsten Museen der Welt – wurde mit der persönlichen Kunstsammlung Katharinas im Winter-Palast gegründet.

Ein Sturm zieht auf

Im 19. Jahrhundert war das Reich sowohl großem internem als auch externem Druck ausgesetzt. Nikolaus I. übernahm nach dem fehlgeschlagenen Dezemberaufstand die Führung und regierte mit harter Hand und extremem politischem Konservatismus. Die Kehrseite dieses Kurses war die Herausbildung einer dissidenten Intelligenzia, in der heimlich von Revolution die Rede war. Der große russische Dichter Dostojewski war ein Mitglied des Petrashevskij-Kreises in St. Petersburg, was ihn für einige Zeit ins Exil nach Sibirien brachte.

Obwohl die Führung Alexanders II. relativ liberal war (er hob zum Beispiel die Leibeigenschaft auf), bekamen die revolutionären Kräfte mehr und mehr Antrieb. Vor der Kasan Kathedrale fand 1876 eine offene politische Demonstration statt, 1881 wurde der Zar von der revolutionären Terroristengruppe „Der Volkswille“ ermordet. Am Platz seiner Ermordung steht heute die Erlöserkirche.

Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts begann in Russland schließlich die Industrialisierung, doch der konservative Zar Alexander III. (1881-94) wollte den politischen Wechsel noch weniger als sein Vorgänger. Eine explosive Situation entstand, auch weil Russlands Intelligenzija bereits die Theorien Marx' über das revolutionäre Potenzial der aufstrebenden Arbeiterklasse verschlang. Auf der Insel Vasilievskij in St. Petersburg entstand durch die nahe nebeneinander lebenden Arbeiter und die potenziell radikalen Studenten eine instabile Situation.

Bis zur Revolution

1894 starb Alexander III. und die Macht wurde ordnungsgemäß seinem Sohn Nikolaus II. übertragen. 1905 fand eine kleine Revolution statt. In St. Petersburg passierte das blutige und vollkommen überflüssige Gemetzel, das als Blutiger Sonntag in die Geschichte einging, als Regierungskräfte auf eine friedliche Protestversammlung vor dem Winter Palast schossen. Dieses Blutbad verursachte eine Welle an Rebellionen, Streiks und Aufständen, die so bedrohlich waren, dass Nikolaus II. sich gezwungen sah, ein pseudo-demokratisches Parlament (die Duma) einzurichten und dem Volk die Grundrechte garantierte. Das beschwichtigte die erhitzten Gemüter des Landes, doch vor dem Ersten Weltkrieg war St. Petersburg wiederum Schauplatz einer Revolution – diesmal einer richtigen.

Krieg und Revolution

Der Erste Weltkrieg wirkte sich endgültig katastrophal für Russland aus – eine inkompetente Führung und große Verluste waren inakzeptabel für das Volk, das schon unter den Kriegszuständen litt. Diese Unzufriedenheit nährte nur die revolutionären Kräfte und im März 1917 wurde Nikolaus' Position unhaltbar. Er dankte ab und nachdem sein Bruder Mikhail die Übernahme verweigerte, wurde Nikolaus und seine Familie nach Jekaterinburg am Ural gebracht, die Dynastie der Romanovs sollte nun der Vergangenheit angehören. Gegen Ende dieses Jahres zerbrach der neue bourgeoise Staat und wurde durch ein kommunistisches Regime ersetzt, das über 70 Jahre lang herrschen sollte. Während der Tumulte der Oktoberrevolution hatten Lenin und seine Gefolgschaft ihre Verwaltungsstelle im Smolnyi Institut.

Stalin und der Zweite Weltkrieg

Die Zwischenkriegsjahre waren durch große Umbrüche und Massenunterdrückung durch Stalin gekennzeichnet. Als die Hauptstadt trug das neu benannte Leningrad die Hauptlast der Säuberungsaktionen der Partei. Anna Akhmatova, die große Schriftstellerin dieser Stadt des zwanzigsten Jahrhunderts, verlor viele Freunde und ihre Familie und wurde selbst als „halb Nonne, halb Hure“ verleumdet. Doch sie konnte bis 1966 überleben.

Während des Zweiten Weltkriegs litt die Stadt mehr als alle anderen in der Welt. Für drei Jahre besetzten die Deutschen Leningrad, ließen eine Million Menschen verhungern. Obwohl die Zahl der Überlebenden, der so genannten Blokadniks rasch sinkt, ist die Besatzung immer noch im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert. Ein Siegesdenkmal wurde in der Mitte des Moskovskij Prospekt errichtet, es gibt ein Blockade Museum und den Piskarevskoe Friedhof, ein einsamer Ort, wo viele der Toten in Massengräbern beerdigt wurden.

Durch die Zerstörungen im Weltkrieg musste Leningrad weitgehend wiederaufgebaut werden. Einige Bauten wie die St Isaaks-Kathedrale tragen noch immer die Zeichen der Bombardements während des Krieges.

Nachkriegs-Russland: Tauwetter, Stagnation, Perestroika, Zusammenbruch

Russland versuchte nach dem Tod Stalins 1953 so etwas wie ein politisches und kulturelles „Auftauen“, doch folgte bald wieder eine Periode der Stagnation unter dem selbstgefälligen Breschnew. Als Gorbatschow 1985 an die Macht kam, war die UdSSR dringend renovierungsbedürftig und Gorbatschow versuchte dies mit Glasnost (Freiheit des öffentlichen Diskurses) und Perestroika (wirtschaftlicher Wiederaufbau). Gegen Ende der achtziger Jahre wurde aber das gesamte System unhaltbar und 1990 geriet die Entwicklung aus dem Ruder. Im Juni 1991 wurde Leningrad, ungeachtet der Wünsche Gorbatschows, wieder zu St. Petersburg.

Als eine Gruppe konservativer Militärs einen Putschversuch gegen Gorbatschow unternahm, versammelten sich 200.000 Menschen am Schlossplatz, um die Ereignisse in Moskau zu verfolgen. Schließlich wurde der Putsch vereitelt und mit ihm jede Zukunft der Sowjetunion. Die post-kommunistische Ära hatte begonnen.

Heute

Das moderne St. Petersburg hat eine radikale Umwandlung erfahren und unterscheidet sich heute wesentlich von der Zeit des Zusammenbruchs der Sowjetunion. Die zentrale Hauptverkehrsstraße, der Nevskij Prospekt, bietet neue Unterhaltungsmöglichkeiten, teure Restaurants und gefragte Einkaufsmöglichkeiten. Doch neben dem glänzenden neuen Gesicht zeigt sich auch die neue Armut und das immer schon aufregende Kulturleben in St. Petersburg.

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