
Gleich beim ersten Blick auf Lissabon wird man bemerken, dass es eine ganz besondere Stadt ist. Die Gründe hierfür herauszufinden, dürfte sicherlich keine Zeitverschwendung sein. Es bedeutet, eine Reise über sieben Hügel zu unternehmen und in Jahrhunderte bewegter Geschichte einzutauchen, die Vergangenheit in all den engen Gassen aufzuspüren, die alten Viertel Alfama, Castelo und Mouraria zu erkunden und den hier lebenden Menschen zu begegnen.
Lissabon kennen zu lernen bedeutet ebenfalls, sich Zeit zu nehmen. Zeit, um Einzelheiten zu entdecken und Kleinigkeiten wahrzunehmen – die Mosaiken der Bürgersteige, die Kachelbilder (Azulejos) an den Hauswänden, die kunstvollen Ziergitter der Balkone und die Springbrunnen in den liebevoll gestalteten Parks. Zeit, um sich an den Häuserlandschaften der Berghänge zu erfreuen, über denen stolz die Burg Castelo de São Jorge thront. Und doch erzählt Lissabon nicht nur von seiner Vergangenheit. Modern gestaltete Geschäftsviertel im Herzen der Stadt und neue Prachtstraßen machen deutlich, dass es eine Stadt in fortwährender Entwicklung ist. Bereits am Morgen erwachen die Straßen voller Menschen, welche bald alle Ecken und Winkel der Stadt mit Leben erfüllen. Am späten Nachmittag kann man bei einem Spaziergang in einem der vielen Parks das Grün der Bäume und den Duft der Blumen geniessen. Auch lohnt es, sich dem Fluss zuzuwenden und dem Mosteiro dos Jerónimos, dem Torre de Belem und den unzähligen anderen Orten am Tejo einen Besuch abzustatten, welche die Stadt nach vielen Jahren der Vernachlässigung nun wiederentdeckt.
Lissabon ist ein Mosaik miteinander harmonisierender Einzelteile, entstanden teils durch Stadtplanung, teils durch Improvisation der Bevölkerung. Und in einem Moment großer Veränderungen könnte nichts faszinierender sein, als zu beobachten, wie sich hier der Fortschritt und die Zeugnisse und Traditionen der Vergangenheit begegnen.
Vorgeschichte
Funde von Werkzeugen aus Flintstein belegen eine menschliche Besiedelung der Gegend um Lissabon seit ungefähr 300.000 Jahren. Dieses Gebiet war Teil eines Ökosystems, welches die Mündungen der Flüsse Tejo und Sado umfasste. In einer von der heutigen sehr unterschiedlichen Landschaft lebte die Urbevölkerung von Jagd und Fischfang. Wie Ausgrabungen in der Serra de Monsanto vermuten lassen, siedelten sich die ersten nicht nomadischen Völker hier in der späten Jungsteinzeit, um ca. 2500 v. Chr. an. Sie hatten sich einen strategisch günstigen Ort ausgesucht, von dem aus sie das Tal Ribeira de Alcântara überblicken konnten, wo sie Viehzucht und Ackerbau in Subsistenzwirtschaft betrieben. Ausserdem offenbaren die bei Ausgrabungen zu Tage geförderten Spuren bereits eine verfeinerte Herstellung von Töpferwaren, die nicht nur für den eigenen Gebrauch sondern auch für den Tauschhandel mit anderen Völkern bestimmt waren.
Legende: Als Odysseus Lissabon Gründete
Die Legende berichtet, dass Odysseus und seine Gefährten auf ihren Irrfahrten einen Feuerstrahl vom Himmel niedergehen und ein Feuer gewaltigen Ausmasses entzünden sahen. An jenem Ort fanden sie eine glühende Kugel mit folgender Inschrift: Auf diesen Fundamenten sei der Grundstein meiner Stadt gelegt. Odysseus schloss daraus, dass er dort seine eigene Stadt erbauen solle und gab dieser den Namen Ulissipo oder Olissopo. Und daher kommt, der Legende nach, der Name Lissabons.
Das Hieronymuskloster
Das Mosteiro dos Jerónimos war das grossartigste Bauwerk des Zeitalters der Entdeckungen und gilt als das bedeutendste Beispiel des so genannten manuelinischen Stils, einem Bau- bzw. Dekorationsstil, der sich durch maritime und exotische Motive auszeichnet. Erbaut wurde das Kloster während der Regierungszeit von König Dom Manuel I., dem aufgrund der ihm aus Indien und Südostasien zufließenden Reichtümer der Beiname der Glückliche zuteil wurde. Zu jener Zeit lag das Ufer des Tejo wesentlich weiter zurückgesetzt, so dass man vom Kloster aus in nächster Nähe die in die Stadt einlaufenden Schiffe erblickte, schwer beladen mit den Gewürzen, die seinen Bau ermöglicht hatten.
Lissabon im Zeitalter der Entdeckungen
Während der Zeit seiner überseeischen Eroberungen erfuhr Portugal, wie viele andere europäische Staaten auch, ein beschleunigtes Bevölkerungswachstum sowie eine bedeutende städtische Entwicklung. In Lissabon wurde ein königlicher Palast am Fluss erbaut und die Rua Nova geschaffen, in der sich die geschäftlichen Aktivitäten der Unterstadt abzuspielen begannen. Auch der Platz Rossio nahm Gestalt an, wodurch die Bedeutung des Gebietes der Feira da Ladra zurückging. Am Fluss entstand der Terreiro do Paço, der Schlossplatz, ein Treffpunkt zur Unterhaltung und Erholung. Rund um den Palast ließen sich bedeutende Handelshäuser nieder, und hier erließ Lissabon auch seine wichtigen Bestimmungen bezüglich der Seehandelsrechte. Die Casa da India, das Entscheidungs- und Führungszentrum aller expansiven Unternehmungen, wurde gegründet und im Erdgeschoss des königlichen Palastes angesiedelt. Entlang des Tejo entstanden die vornehmen Wohnsitze der Aristokratie. Unter diesen zeichnet sich die vom Sohn Afonso de Albuquerques erbaute Casa dos Bicos, das 'Haus der Spitzen', durch seine Originalität aus. In westlicher Richtung waren insbesondere der Palácio Corte Real (auch Palácio das Águias genannt) und der Palast der Familie Almadas, die der Casa da India vorstand, bemerkenswert. Ebenfalls wurde mit dem Bau verschiedener Verwaltungsgebäude und religiöser Einrichtungen begonnen, wie beispielsweise dem Hieronymuskloster (1502) und dem Kloster Madre de Deus (1509). Auf den Hügeln versuchte man sich in geplanter Stadtentwicklung, woraus auch das Bairro Alto hervorging.
Im 16. Jahrhundert ließ König Manuel I. verschiedene Verbesserungen der Stadt durchführen, unter denen sich der Rossio und der Torre de Belem (erbaut 1515 - 1521) besonders auszeichnen. Zwischen 1745 und 1750 wurde der Palácio das Necessidades erbaut, und 1682 begann ein weiterer Versuch, die Kirche Santa Engrácia fertig zu stellen, das heutige Pantheon der Großen Portugals. König D. João V. ließ 1713 - 1748 das gewaltige Aquädukt Águas Livres errichten, ein mächtiges joaninisches Bauwerk, das von sehr großem Nutzen für Lissabon war.
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