Geschichte

Kapellen, Colleges, Durchgänge, Labors, Büchereien, alle haben eine Geschichte zu erzählen. Wenn die Steine nur sprechen könnten – und sie tun es! Henry VIII, der ein Stuhlbein umklammert hält, das Grab von Captain Cooks Frau, so weit entfernt von ihrem Mann, Christopher Wrens erstes Gebäude, das Wappen der Familie Washington (das die amerikanische Flagge inspirierte). Wenn man weiß, wo man suchen muss, kann man all das finden.

Wenn man den Bahnhof verlässt kommt man auf die Hills Road. Geht man hier in Richtung Norden, dann folgt man den Schritten römischer Legionen, die von Colchester kommend hier entlang marschierten. Sie setzten ihren Weg fort, bis sie den Fluss erreicht hatten, den sie durchquerten und über den sie später eine Brücke bauten. Der Ort der Überquerung (heute die Magdalene Street Bridge) mit dem nahe gelegenen Hügel (Castle Hill) erwies sich als idealer Platz für eine Siedlung und so entstand die Stadt Durolipons.

Nach den Römern kamen und gingen andere. Wikinger, Angelsachsen und Normannen, in den Namen hiesiger Pfarreien wird an alle erinnert (St Clement, St Bene't und St Giles spiegeln drei verschiedene christliche Kulturen wider und der angelsächsische Turm von St Bene't's ist das älteste heute noch erhaltene Gebäude in der Stadt). Das Stadtzentrum ist weiter südlich auf das gegenwärtige Gelände des Marktes gerückt. Im 11. Jahrhundert war Cambridge mit einer ungefähren Bevölkerung von 1.600 eine der größten Städte im östlichen England.

Das Wachstum hielt bis ins 13. Jahrhundert an. 1209 erklärte König John Cambridge zur königlichen Gemeinde, eine Handelszunft wurde gegründet und auf dem Midsummer Common wurden regelmäßig Jahrmärkte abgehalten. Viele Waren wurden per Boot transportiert und Cambridges Handel am Kai florierte. Obwohl es schon eine wichtige Marktstadt war, gab es Entwicklungen, die zur gleichen Zeit stattfanden und die das Schicksal der Stadt für immer verändern sollten.

Im frühen 13. Jahrhundert veranlassten Aufstände in Oxford – und später in Paris – viele der dortigen Studenten zur Flucht, da sie um ihr Leben fürchteten. Aus unbekannten Gründen steuerten viele Richtung Cambridge. Diese Studenten – die meisten von ihnen Jungen um die 13 oder 14 Jahre alt – versammelten sich in Gruppen für Unterricht in Grammatik, Rhetorik und Logik, alle Fächer übrigens in Latein abgehalten. Dieser Ausbildung mangelte es an Regeln und Ordnung, in der Tat waren die Schüler ein ungebärdiger Haufen, aber dieser Mangel an Disziplin veranlasste bald Lehrer und Bürger, ihnen eine Ordnung aufzuerlegen. Die Schüler wurden in Wohnheimen zusammengebracht und es wurden Regeln festgelegt.

1284 gründete der Bischof von Ely, Hugh de Balsham, Peterhouse, um dort einem Rektor und sechs Fellows ein Heim zu geben. Das war das erste der Colleges in Cambridge. Im Lauf der nächsten 70 Jahre folgten noch sieben. Der Old Court des Corpus Christi College ist das älteste noch erhaltene Universitätsgebäude und es vermittelt dem Besucher eine Vorstellung vom Stil der Colleges zu dieser Zeit. Die Stadt und Universität, die im Entstehen begriffen war, überlebten die Pest, Bauernaufstände und Feuer. Im 15. Jahrhundert wurden von den Größen und den Guten noch mehr Colleges gegründet. Diese Gründer sind auch heute noch lebendig, verewigt in den Namen der Colleges und den Wappen.

Cambridge war das Zentrum der englischen Reformation, in den frühen Tagen wurde es sogar ‚Klein-Deutschland' getauft. Hugh Latimer, der das Luthertum von den Kanzeln der St Edward's Church und Great St Mary's predigte wurde später auf dem Scheiterhaufen in Oxford verbrannt. Ebenso wie diese Kirchen erhalten sind, gilt das auch für vieles andere aus dieser Zeit – ein Stadtplan von 1574 hat viel mit dem von heute gemeinsam.

„Studenten tragen keine geistlichen Gewänder, sondern neu entworfene Roben in Blau, Grün, Rot oder verschiedenen Farben, sie haben helle Rosen auf ihren Schuhen, ihr Haupt ist mit krausem langen Haar bedeckt ... und um den Hals haben sie die langen Halskrausen von Händlern mit hellen weiblichen Manschetten am Handgelenk.“ So hörte sich die vernichtende Missbilligung der Puritanisten an!

1640 brachte Cambridge Oliver Cromwell wieder ins Parlament zurück. Obwohl die Stadt im Bürgerkrieg standhaft auf der Seite des Parlaments blieb, wurde sie niemals zum Schlachtfeld.

Das Jahr 1667 sah einen 27-Jährigen, der den Stuhl des Lucasian-Professors für Mathematik übernahm – Isaac Newton ist bis heute wohl immer noch der größte Geist der Universität. Das nachfolgende Jahrhundert jedoch war Zeuge eines Lehrplans, in dem Mathematik zu stark vertreten war, was zu abnehmenden Studentenzahlen führte. Erst im 19. Jahrhundert kehrte sich dieser Trend wieder um: 1800 ‚tauchten' 150 Erstsemester auf, bis 1870 stieg diese Zahl auf 800.

Dies war nicht nur eine quantitative Veränderung. Eine Reihe von Reformen machte die Universität zu dem, was sie heute ist. Zum ersten Mal waren zentralisierte Fakultäten und nicht wie bisher die Colleges für den Unterricht verantwortlich. Dies brachte eine Zunahme neuer Fakultätsgebäude mit sich, wie z. B. die Cavendish Laboratories. In den 20er-Jahren des 19. Jahrhunderts wurden Rudern, Kricket und andere Sportarten zur Freizeitbeschäftigung für die Studenten. Und – am umstrittensten von allen – es wurde 1869 das Girton College für Frauen gegründet (allerdings in einem beachtlichen Abstand von 5 Kilometern vom Stadtzentrum). Frauen waren jedoch bis 1947 keine vollwertigen Mitglieder der Universität und die rein männlichen Colleges nahmen sie erst in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts auf. Heute gibt es zwei Colleges, die nur für Studentinnen sind, alle anderen sind gemischt.

Gegen den Widerstand der Universitätsverwaltung kam die Eisenbahn (der Bahnhof war nur ein wenig näher als das Girton College) und das bedeutete das Ende der Kais am Fluss. Nachdem der Fluss nicht mehr befahren wurde, wurde das Stechkahn-Fahren zu einem beliebtem Zeitvertreib für den Nachmittag (und ist es noch!). Und im späten 19. Jahrhundert überließ die Universität endlich auch viele ihrer Machtbereiche, wie z. B. die Festlegung der Schankzeiten, an den Stadtrat.

Im Lauf des 20. Jahrhunderts haben die Stadt und die Universität gelernt, miteinander zu leben und zu arbeiten. 1951 sprach Konig George VI Cambridge den Status einer Stadt zu, was es mit Ausnahme der rechtlichen Lage eigentlich schon war. Seine Vororte dehnten sich bis zu den Dörfern Trumpington, Girton und Cherry Hinton aus und die Autobahn M11 verband es mit London. Die Universität hat jetzt 35 Colleges, das neueste, das 1977 gegründet wurde, ist Robinson. Zukünftige Historiker werden auf das Cambridge des 20. Jahrhunderts zurückblicken und eine Epoche großer wissenschaftlicher Entdeckungen sehen – über 50 Nobelpreisträger kommen von der Universität, die meisten davon sind Naturwissenschaftler. Die Industrie hat diese Schöpferkraft mit der Ansiedelung von Hightech-Unternehmen wie Phillips, NAAP und Microsoft in der Gegend genutzt und das spiegelt sich auch in einer selbstsicheren, modernen Architektur wider.

Sowohl die Stadt als auch die Universität nehmen diese Koexistenz von Wissenschaft und Unternehmen an und am Beginn des 21. Jahrhunderts ist Cambridge bereit, einer ungewissen Zukunft ins Auge zu schauen, wie es das schon so oft zuvor getan hat.

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