Geschichte
Was die Geschichte von Cannes betrifft, ist die Versuchung groß, diese erst im 19. Jahrhundert beginnen zu lassen. Und tatsächlich bot Cannes vor 1834, also vor der Ankunft von Lord Brougham and Vaux, ein völlig anderes Bild, nämlich das eines kleinen Fischerdorfes. Außerdem gibt es nur vage, ungenaue geschichtliche Quellen aus jener Zeit, was dazu führt, dass die Anfänge der Stadt sogar den Wissenschaftlern einiges Kopfzerbrechen bereiten.
Das heutige Cannes dürfte im 2. Jahrhundert vor Christus von den Ligurern gegründet worden sein. Später siedelten die Römer in dieser Gegend und gaben ihr den Namen Aegitna. Das einfache Fischerdorf diente den Römern vor allem als Zwischenstation zwischen den
Iles de Lerins und dem Festland. Bis 69 n. Chr. gestaltete sich das Zusammenleben im großen und ganzen friedlich. Dann kam es allerdings zu blutigen Auseinandersetzungen der Truppen Othons und Vitellius; das Zeitalter der Eroberungen war angebrochen. Die Marseiller konnten ihre Vormachtstellung verteidigen und ausbauen, wovon die Errichtung des
Castrum Marcellinum zeugt, welches noch immer der Mittelpunkt der Stadt ist. Die feindlichen Übergriffe der Barbaren dauerten bis ins 9. Jahrhundert an.
Im 10. Jahrhundert geriet Cannes unter die Herrschaft der
Abtei von Lerins, welche ihrerseits im 5. Jahrhundert gegründet worden war. Zu ihrem Schutze errichteten die Mönche ein
Kastellschloß, welches den Aufstieg des heutigen Stadtteils
Suquet einleitete. Der Turm der
Ile St Honorat sowie der große Turm von Cannes wurden ebenfalls in dieser Zeit gebaut. Erst im Jahre 1035 tauchte der Name
Cannes zum ersten Mal in einem offiziellen Dokument auf. Über die etymologischen Wurzeln dieses Namens herrscht allerdings Uneinigkeit vor; einer Deutung zufolge leitet sich der Name von
cannae ab, der lateinischen Bezeichnung für die Schilfrohre, welche das ursprüngliche Fischerdorf umgaben.
Im 14. Jahrhundert wurde Cannes von der Pest heimgesucht und zu diesem Übel gesellten sich kurz darauf auch Seeräuberei und Banditentum. Dennoch gelang es der Abtei, ihre Herrschaft über die Stadt und ihre Bewohner beizubehalten.
Im 16. Jahrhundert wurde Cannes von einer noch schrecklicheren Pestwelle heimgesucht. Genauso wie die Provence wurde auch Cannes von Frankreich annektiert. Diese Annexion besiegelte das Ende der Vormachtstellung der Herrscher von Lerins.
Im 17. Jahrhundert, als Cannes ca. 600 Häuser zählte, wurde die Pfarrkirche
Notre-Dame errichtet. Die Spanier versuchten, auf der Insel Sainte-Marguerite einzufallen, konnten jedoch von den Franzosen vertrieben werden. Das ganze 18. Jahrhundert hindurch kam es immer wieder zu feindlichen Übergriffen. Im Jahre 1771 litt die Bevölkerung unter einem besonders strengen Winter und der extrem hohe Brotpreis führte zu einem Aufstand. Was das Wirtschaftsleben der kleinen Stadt anbelangt, gewann der Handel auf dem Seeweg zunehmend an Bedeutung. Die Französische Revolution führte zur Einteilung Frankreichs in
Departements; Grasse wurde zum Hauptort von Cannes.
Abgesehen von Napoleon, der am 1. März 1815 nach seinem Exil auf der Insel Elba nach Cannes kam, ist wohl der Besuch von Lord Brougham das wichtigste Ereignis in der Geschichte des 19. Jahrhunderts von Cannes. Es existiert hierüber auch eine Anekdote: Wir schreiben den Monat Dezember 1834. Der englische Schatzkanzler Lord Brougham will den Winter in Nizza verbringen. Allerdings gelangt er nur bis zum Fluss Saint-Laurent du Var; aufgrund einer Choleraepidemie sind die Grenzen gesperrt und an eine Weiterreise ist nicht zu denken. Dies muss schließlich auch Lord Brougham auf seinem hohen Pferd zur Kenntnis nehmen und mit seinem Gefolge umkehren. Der Legende nach sind schließlich eine gute Fischsuppe und eine angenehme Ruhestätte in der einzigen Gaststätte dieser Gegend dafür ausschlaggebend, dass der hohe Besucher beschließt, sich an diesem Ort niederzulassen. Warum sollte er weiterreisen – die Gegend ist schön, die Einheimischen freundlich und das Klima mild. Lord Brougham errichtet ein Schloss, das er in Erinnerung an seine eben erst verstorbene Tochter
Chateau Eleonor nennt. Er wird Zeit seines Lebens Cannes nicht mehr verlassen, und schon bald drängen auch andere Engländer in die Stadt, um die intakte Natur und das milde Klima zu genießen.
Das kleine Fischerdorf gehörte schon bald der Vergangenheit an und Persönlichkeiten aus aller Welt verbrachten die Winterzeit in dieser friedlichen Stadt. Zu den Besuchern zählten unter anderem Prosper Merimee, Oscar Wilde, Stephen Liegard, die Gräfin von Oxford, Lord Russel, Baron Haussmann und der preußische König. Auf diese Zeit gehen auch die Ursprünge der Uferpromenade
Croisette zurück; die bekannten Persönlichkeiten promenierten gerne am Meeresufer, wobei sie ihre Gesichter mit kleinen Sonnenschirmen schützten, um die noble Blässe nicht durch die Sonneneinwirkung zu gefährden. In den 30er Jahren kehrte sich diese Mode dann ins Gegenteil um. Cannes kommt nicht aus der Mode. Inzwischen ist die Verherrlichung der Sonnenbräune wieder zurückgegangen; Cannes ist aber nach wie vor „in“. Auch heute noch kann man auf der
Croisette elegante Pelzmäntel bewundern, da sich die Stars noch immer gerne auf der Uferpromenade sehen lassen. Und während der
Internationalen Filmfestspiele, die es bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert gibt, sind besonders viele Stars, Starletts und Fans in Cannes.