Geschichte

Wie konnte eine solch unbedeutende Stadt wie Madrid, zur großartigsten und mächtigsten Hauptstadt des Imperiums werden? Ihre Lage im Zentrum der Halbinsel war natürlich ein großer Vorteil, aber zur gleichen Zeit schuf der Einfluss eines ganz bestimmten Königs die Grundlagen für die Geschichte Madrids und diese geht Hand in Hand mit der Geschichte des ganzen Landes.

Römer? Viele Historiker sind davon überzeugt, dass die Ursprünge Madrids in der römischen Epoche zu finden seien, aber für diese Behauptung gibt es keine schlagenden Beweise. Obwohl man glaubt, dass Madrid von einer römischen Stadt namens “Mantua Carpetana” abstammt, wurden viele archäologische Reliquien gefunden, die eher für die Theorie sprechen, dass sich hier eine Zivilisation, ähnlich wie im übrigen Europa, angesiedelt hatte, aber sicherlich keine Römer. Zahlreiche dieser archäologischen Überbleibsel und Schätze aus der Vorzeit können im Museo Nacional Arqueológico besichtigt werden.

Muselmanen Wie ungewiss auch immer die Ursprünge Madrids sein mögen, die Invasion der Muselmanen kann dokumentiert werden. Ungefähr im IX. Jahrhundert war “Mayrit”, wie es zur damaligen Zeit genannt wurde, aufgrund seiner geographischen Lage von grosser Bedeutung. Es stand auf der heutigen Lage der Palacio Real. Es diente als Aussichtspunkt, als die Christen die Halbinsel zurückerobern wollten. Zu diesem Zweck erwies sich die Festung als besonders geeignet, denn sie befand sich auf dem Felsen, wo heute der Königspalast steht; von hier aus konnte alles überblickt werden und jede Bewegung des Feindes wurde mit Hilfe des strategischen Ausblicks auf die Hauptstrasse in der Gebirgskette Guadarrama registriert. Viele der Grundmauern dieses Gebäudes wurden erst kürzlich bei den letzten archäologischen Ausgrabungen in der Nähe des Palastes entdeckt. Am Fusse der Almudena Kathedrale können auch die Überreste der Mauer, die einst die muselmanische Stadt umrahmte, besichtigt werden.

Christen Die christlichen Streitkräfte attackierten Mayrit gegen 932 – erfolglos – und daraufhin nochmals im Jahre 1047, weil sie hier die strategische Möglichkeit sahen, in den Norden der Halbinsel vordringen zu können. Aber erst 1086, während der Herrschaft Alfonso VI, wurde die Stadt gemeinsam mit Toledo vereinnahmt. Jahrzehntelang war sie von ständigen Angriffen und Gegenattacken heimgesucht worden. Direkt unterhalb des Königspalastes befindet sich das Campo del Moro, das seinen Namen einer Episode verdankt, wonach die maurischen Streitkräfte während eines Versuches, die Stadt zurückzuerobern, hier übernachtet haben. Zu dieser Zeit war Mayrit eines von vielen kleinen mittelalterlichen Städtchen mit gerade mal 4.000 Einwohnern. Neben zahlreichen weiteren historischen Monumenten, stammen aus dieser Epoche zwei bedeutende Kirchen: San Nicolás de los Servitas und San Pedro el Viejo. Beide befinden sich in der Nähe der Plaza de la Villa.

Der Hofstaat und die Geburt einer neuen Hauptstadt Im XIV. Jahrhundert begann sich der Adel in Madrid zu versammeln und schließlich fand sich auch der Hofstaat hier ein. Trotz der sozialen Konflikte, die gerade jener Epoch zu schaffen machten, betrachteten die Könige die Stadt als elegante Zufluchtstätte. Bereits im XV. Jahrhundert fungierte Madrid als Kommerz- und Handelszentrum und diese Situation veranlasste die Erschaffung bedeutender Plätze, so beispielsweise die Puerta del Sol und die Plaza Mayor. In dieser Zeit ergab sich aus der Verbindung der Katholischen Könige ebenfalls die strategische Union zwischen Kastilien und Aragón. Später ‚entdeckte' der berühmte Cristobal Kolumbus mit Hilfe der Königin Isabel Amerika und es folgte die Vertreibung der Juden.

Im Jahre 1561 wurde Madrid schliesslich zur Hauptstadt des Imperiums ernannt. Die Stadtbevölkerung zählte zu diesem Zeitpunkt ungefähr 15.000 Einwohner.

Das Madrid der Bourbonen Madrid begann das Jahr 1700 mit der Thronbesteigung von Felipe V. Die Stadt war vernachlässigt, da seit der Epoche Felipe IV, keine einzige Renovierung mehr stattgefunden hatte. Madrid befand sich im Zustand eines unglaublichen Niedergangs. In der Tat konnte es mit Versalles verglichen werden, dem Geburtsort Felipe V.

Während seiner Herrschaft wurden zahlreiche bedeutende Gebäude und Plätze errichtet. Die Ufer des Manzanares wurden vom Marquis von Vadillo mit Hilfe des Meisters Don Teodoro Ardeman und Pedro Ribera erbaut. Der Marquis von Vadillo verfolgte die Absicht, aus Pedro Ribera den grossen barocken Künstler des bourbonischen Madrids zu machen. Einige seiner herausragenden Werke sind beispielsweise die Brücke Puente de Toledo, das Hospital von San Fernando (wo jetzt das Museo Municipal steht) und das Gebäude des Monte de Piedad.

Selbst nach all diesen Veränderungen, waren die Bourbonen nicht zufrieden und befanden sich stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Die Festung sagte ihnen gar nicht zu, denn sie erinnerte sie nicht nur an die vorangegangene Dynastie – die Nüchternheit des Palastes war ihnen geradezu unangenehm. So entschloss man sich zum Umzug in La Granja de San Ildefonso, den neuen Palast, der unter dem Franziskanerkanon errichtet worden ist. Die Ankunft eines neuen Monarchen im Jahre 1759, Carlos III, der als bester Bürgermeister Madrids angesehen wurde, brachte nicht nur den Abschluss der Bauarbeiten des Palacio de la Granja mit sich. Er entwarf einen neuen Modernisierungsplan, der unter anderem den Salón del Prado vorsah. Er zieht sich, angefangen beim Kybele-Brunnen bis hin zur Bahnhofsstation Atocha. Weitere Monumente stellen beispielsweise der Brunnen Fuente de Neptuno und die grossartige Puerta de Alcalá dar.

Das XIX. Jahrhundert Diese Zeitspanne lässt sich in zwei Abschnitte aufteilen, wobei die erste einen Niedergang beschreibt. Sie wurde von der französischen Invasion und dem zerstörerischen Gedankengut Josef Bonapartes beherrscht, sämtliche Kirchen und Gebäude zu zerstören, die – so sein Wortlaut – eine Gefahr für Frankreich darstellen könnten. Sein Plan war es, neue Plätze zu errichten und Madrid ein trostloses Aussehen zu verschaffen. Mit der Machtübernahme Fernando VII. wurde jedoch alles in den Schoss der Kirche zurückgelegt und es folgte der Wiederaufbau sämtlicher während des Krieges zerstörten Gebäude.

Zwischen dem ersten und zweiten Abschnitt, unter Herrschaft der Königin Isabel II, wurde die Wasserleitung Isabel II errichtet und die Hauptstadt war endlich per Bahn erreichbar.

Im Laufe des zweiten Zeitabschnitts konnte Madrid seine städtische Pracht langsam, aber sicher, zurückgewinnen. Mit der zunehmenden Bourgeoisie wurden neue kleine Paläste errichtet, um die sich dann gestritten werden konnte. Der Palacio de Linares und der Palacio de Gaviria, abgesehen vom Viadukt aus dem Jahre 1873, sind sehr schöne Beispiele. Der Castro-Plan trat ebenfalls in Kraft, sodass auf die unaufhörliche Nachfrage nach Wohnungen reagiert werden konnte, die allerdings gegen Ende des Jahrhunderts einigen Schwankungen unterlegen war. Daraufhin entstanden einige Viertel ausserhalb der Stadtgrenze, wie beispielsweise Chamberí, Argüelles und das herausragende Salamanca-Viertel. Letzteres zog eine starke soziale Wirkung mit sich, da ein Zutritt in das Viertel vom sozialen Status abhängig gemacht worden ist.

Die Republik Madrid verabschiedete sich vom XIX. Jahrhundert mit dem gleichen Gefühl der Niederlage, wie der Rest Spaniens. Das liess sich auf den Verlust der bis dato letzten Kolonien des spanischen Imperiums zurückführen: die Phillipinen, Cuba und Puerto Rico. 1902 bestieg König Alfonso XIII. den Thron und so begann eine neue Periode in der parlamentarischen Monarchie des Landes, das sich der bereits im Jahre 1898 vererbten Krise stellen sollte. Der Modernismus kann sich zwischen den soziokulturellen Rissen Spaniens kaum durchsetzen. In Madrid ist einzig und allein der Palacio de Longoria ein Repräsentant jener Stilrichtung, heute Sitz der Sociedad General de Autores: ein schönes Beispiel, um die Veränderungen darzustellen, mit denen das XX. Jahrhundert eingeläutet wird, jedoch zweifellos ein wenig spärlich. Lediglich ein städtisches Fakt konnte die Monotonie des Augenblicks unterbrechen: Das Projekt der Ciudad Lineal wurde vom Ingenieur Arturo Soria ins Leben gerufen und stellte ein modernes, bahnbrechendes und bis dahin einzigartiges Konzept dar. Es schaffte schließlich die Welt, in der sich Madrid bis zum Eintritt ins neue Jahrhundert befand, ein wenig wachzurütteln.

Abgesehen vom Projekt Ciudad Lineal, mit dem im Jahre 1890 begonnen worden ist, galt als besonders herausragendes Ereignis in dieser ersten Etappe des Jahrhunderts der Bau des ersten Abschnittes der Gran Vía. Es handelte sich um den Verlauf, der heute die Kreuzung an der Calle Alcalá bis zur Red de San Luis ausmacht. Architekten aus verschiedenen Ländern und unterschiedlicher Stilrichtungen begaben sich nach Madrid, um Hand an einem Werk anzulegen und schließlich ein Resultat zu erzielen, an dem wir uns heute noch erfreuen. Bereits unter der Diktatur des Generals Primo de Rivera (1923-1930), wurde der Bau der Universitätsstadt eingeleitet. Der Gedanke stammte in Wirklichkeit aus der Zeit Alfonso XIII., der den Bau gemäss des Prototypen diverser Zentren angeordnet hatte, die zur damaligen Zeit in Europa und Nordamerika errichtet wurden.

Im April des Jahres 1931 feierten die Madrilenen nach Riveras Rücktritt den Triumph der Republikaner an den Urnen. Der Enthusiasmus des Volkes war in allen Strassen der Hauptstadt spürbar, ganz besonders natürlich an der sinnbildlichen und zentralen Puerta del Sol, wo sich tausende Republikaner versammelt hatten und mit ihrem Fest den Ausruf der Zweiten Republik bekräftigten.

Der Bürgerkrieg Die Versuche der Erneuerung scheiterten allesamt im damaligen Spanien, das liberale und konservative Regierungen einsetzte, ohne die Stabilität zu finden, die doch so sehr angestrebt wurde. Schliesslich mündeten die grossen Unterschiede zwischen all diesen Parteien im blutigen Bürgerkrieg, der am 18. Juli 1936 nach dem Militärputsch gegen die Regierung der Republik ausgerufen worden ist. Der Krieg endete am 1. April 1939 nach der Agonie des republikanischen Bereiches. Dieser kontrollierte während der vergangenen Monate lediglich das Zentrum und den Südosten der Halbinsel, sodass sich mit der Vereinnahmung Madrids, Ende März, die Nationalisten als Sieger des Kriegs erklärten. Es musste nur noch der Südosten erobert werden und das war eine Frage von Tagen.

In diesen drei Jahren erlitt Madrid die schlimmste aller Belagerungen. Die Strassen verwandelten sich in regelrechte Kampffronten. Einer der betroffendsten Bereich war der gesamte Abschnitt, der heute von der Plaza de España über die Calle Princesa und die Calle Rosales verläuft. Ganz in der Nähe, bereits in den Außenbezirken gelegen, war kämpfte man an der Front, wo sich heutzutage der Parque del Oeste befindet. Im Zentrum der Stadt fanden ganz andere Geschichten statt. Im Jahre 1937 erkannten die Republikaner die eminente Gefahr, die von den feindlichen Splittern für die Stadt ausging, und verordneten die Verhüllung und den Schutz des Stadtsymbols: Der Kybele-Brunnen. Für die Nachwelt wurden davon auch Fotos aufgenommen – mit einer Puerta de Alcalá, die nicht vom Schatten des Torre de Valencia beeinflusst wird, und mit einem Kybele-Brunnen, dessen Verkehrsaufkommen fast ausschließlich aus Straßenbahnen besteht und der – zum Schutz vor den Granaten –mit Hilfe von Säcken und Ziegelsteinen bedeckt wurde. Das Ergebnis ähnelte einem unbegreiflichen Hügel inmitten eines Platzes, aber sein Zweck wurde erfüllt und nach dem Kybele-Brunnen machte man sich an die zeitweilige “Verhüllung” weiterer Monumente: Der Brunnen Fuente de Neptuno, auch Appolo-Brunnen genannt, am Paseo del Prado, gegenüber vom Hotel Ritz-, die Plaza Mayor und der Eingang des Städtischen Museums Madrids. Weder die Zementbarrikaden, noch die verzweifelten Schreie der Republikaner – ‚Sie werden nicht durchkommen' - konnten das Fortschreiten der Nationalisten aufhalten, die schließlich die Hauptstadt vereinnahmten. Der Krieg war zuende.

Die fünfziger und sechziger Jahre Mit Abschluss des Krieges musste sich Madrid um den Wiederaufbau kümmern, der durch einen offiziellen Plan eingeläutet wurde. Die Fertigstellung der Gran Vía und die massive Einwanderung der Bevölkerung aus anderen Teilen des Landes, die noch stärker unter den Folgen des Kriegs zu leiden hatten, führten dazu, dass sich in kurzer Zeit das Profil einer Grosstadt abzeichnete.

In den sechziger Jahren entstanden neue Viertel in den Aussenbezirken der Stadt, die sich auf den raschen wirtschaftlichen Aufschwung zurückführen liessen, aber gleichzeitig machten sich Spekulanten in der Welt der Konstrukteure breit. Ein Beispiel hierfür stellt der Wandel dar, dem Teile der Castellana zu Opfer fielen. Kleinere Paläste wurden abgerissen und machten Hochhäusern Platz, die den neuen Zeiten angemessener erschienen, aber mit dem historischen Wert der ehemaligen Gebäude nicht mithalten konnten.

Die Demokratie Madrid erwachte aus der Lethargie der Nachkriegszeit und es wurde ein städteplanerischer Plan aufgestellt, der dem Wiederaufbau vieler im Krieg beschädigter Gebäude diente. Seit dem Jahre 1975 hat Madrid zahlreiche verschiedene Facetten angenommen. Die Gran Vía präsentiert sich nicht mehr als elegante Allee aus alten Zeiten, sondern hat sich zu einer kommerziellen und tösenden Strasse entwickelt. Die Castellana ähnelt heute einer riesigen Filiale diverser Banken und Botschaften, die sich auf beiden Strassenseiten angesiedelt haben und hat nicht mehr viel mit der Allee gemein, auf der einst die zahlungskräftige Bourgeoisie zuhause war. Dennoch konnten Viertel wie Chueca, das zwischenzeitlich von den Behörden in Vergessenheit geraten war und in den Händen der Drogendealer lag, dank Einsatz der homosexuellen Gemeinschaft zu einem der unterhaltsamsten und avantgardistischsten Viertel der Hauptstadt aufblühen.

Seit Wiederherstellung der Demokratie wurden, abgesehen von der Erweiterung des hervorragenden Metronetzes der Hauptstadt, der Renovierung zahlreicher Häuserfassaden und der Pflege der städtischen Grünzonen (Parks, Bäume in praktisch allen Strassen, Brunnen), die Wolkenkratzer Torre Picasso und die Torres KIO errichtet. Sie sind das eigentliche Wahrzeichen des modernen Madrids und seiner Offenheit für Veränderungen. Die Gebäude repräsentieren das bedeutendste Ereignis, das sich in den vergangenen Jahren ereignet hat: Die Aufnahme in der Europäischen Union und die künftige Einführung des Euro. So erhielten die Gebäude den Beinamen Puerta de Europa, das Tor Europas; ein mittelalterlicher Name steht für moderne Perspektiven.

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